Einheimische Schädlinge im Obstbau: Der Apfelwickler

Der Apfelwickler (Cydia pomonella) gilt als einer der wichtigsten Schädlinge im Obstanbau. Schäden werden durch die Raupe verursacht, wenn sie sich in den Apfel bohrt (Abb.1). Unter heutigem Klima wird in der Nordschweiz eine Raupengeneration beobachtet. In der Südschweiz treten dagegen immer zwei Raupengenerationen auf. In wärmeren Jahren kann sich in der Nordschweiz eine zweite, in der Südschweiz sogar eine dritte Raupengeneration ausbilden (Abb. 2).

Ein halbierter Apfel mit einer Raupe des Apfelwicklers nahe dem Apfelkern. Die Raupe hat sich von der Seite zum Kerngehäuse durchgefressen. Im Frass-Gang sieht man vereinzelte Kotkrümel der Raupe.
Abbildung 1. Die Raupe des Apfelwicklers ernährt sich im Innern der Frucht.
© Agroscope

Untersuchungen haben gezeigt, dass der Klimawandel zu einem früheren Flugbeginn der überwinternden Generation und zu einem noch früheren Auftreten der nachfolgenden Entwicklungsstadien führen wird (Stöckli u.a. 2012). Auch deuten Daten aus wärmeren Gegenden darauf hin, dass der Apfelwickler durch natürliche Anpassung an höhere Temperaturen später in die Winterruhe gehen könnte (Hirschi u.a. 2012, Stoeckli u.a. 2012). All dies erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass der Apfelwickler künftig in der Nordschweiz vermehrt zwei bis drei, in der Südschweiz sogar jedes Jahr drei Generationen entwickeln wird (CH2014). Die Anpassung der Bekämpfungsstrategien muss dem Rechnung tragen (Stoeckli u.a. 2012).

Die Gebiete, in denen eine dritte Raupengeneration mit hoher Wahrscheinlichkeit auftreten könnte, werden sich in der Zukunft auf das zentrale Mittelland, das Drei-Seen-Land, die Region um den Genfer See und das Rheintal ausdehnen, auch unter Annahme eines klimastabilisierenden Emissionsszenarios (RCP3PD; Abb. 2). Wesentlich grösser, die ganze Obstanbaufläche der Schweiz einschliessend, wird das potentielle Ausbreitungsgebiet einer dritten Raupengeneration unter Annahme von Emissionsszenarien, die keine mindernde Intervention vorsehen (A1B und A2).

Die Grafik zeigt Schweizer Karten, welche die Wahrscheinlichkeit des Auftretens einer dritten Raupen-Generation des Apfelwicklers illustrieren. Es werden insgesamt zehn Karten für verschiedene Kombinationen von Zeithorizonten (Gegenwart, 2035, 2060 und 2085) und Emissionsszenarien (RCP3PD, A1B und A2) gezeigt. Das heutige Obstanbaugebiet ist grau eingefärbt. Die Auftretenswahrscheinlichkeit einer dritten Raupen-Generation wird mittels einer dreistufigen Farbskala von hell gelb (geringe Wahrscheinlichkeit) über orange (mittlere Wahrscheinlichkeit) zu rot (hoher Wahrscheinlichkeit) angegeben. Die Karte des gegenwärtigen Klimas zeigt eine hohe Auftretenswahrscheinlichkeit in den tieferliegenden Tälern des Tessins und eine geringe Wahrscheinlichkeit im Kanton Genf sowie entlang der Rhone. Für 2035 zeigen alle drei Emissionsszenarien ein ähnliches Bild. Im Tessin, im Kanton Genf, entlang des Genfersees, im Rhonetal sowie in Basel ist die Auftretenswahrscheinlichkeit gross. Potenziell betroffen von einer dritten Raupen-Generation des Apfelwicklers sind aber auch das Drei-Seen-Land, das Rheintal und das Freiamt.  Unter Annahme des Emissionsszenarios RCP3PD vergrössern sich die Gebiete mit einer hohen Auftretenswahrscheinlichkeit für die Zeithorizonte 2060 und 2085 leicht. Deutlich ausgeprägter ist die Ausdehnung der Gebiete mit einer hohen Auftretenswahrscheinlichkeit unter Annahme der Emissionsszenarien A1B und A2. Sie umfassen um 2060 grosse Teile des Mittellandes, des Rhone- und des Rheintals sowie den Kanton Jura und nehmen bis 2085 das heutige Obstanbaugebiet vollständig ein.
Abbildung 2. Wahrscheinlichkeit des Auftretens einer dritten Raupengeneration des Apfelwicklers für verschiedene Zeithorizonte und Emissionsszenarien. Die grau eingefärbte Fläche entspricht jenem Gebiet, in dem unter heutigen Klimabedingungen Obst angebaut wird. Basis für die Berechnung der Karten sind die Klimaszenarien CH2011.
© Agroscope

Ob eine dritte Generation des Apfelwicklers tatsächlich Schäden verursachen kann, hängt allerdings davon ab, ob die Raupen dieser Generation auch noch Äpfel am Baum finden, die sie befallen können. Letztendlich bestimmt also die phänologische Entwicklung der Wirtspflanze die effektive Gefahr eines Befalls, und diese unterscheidet sich stark, je nachdem, ob es sich um früh- oder spätreifende Apfelsorten handelt.

Resultate neuerer Analysen zeigen zum Beispiel, dass heute in der Südschweiz die Wahrscheinlichkeit eines Schadens durch eine dritte Raupengeneration des Apfelwicklers nur bei der spätreifenden Sorte Golden Delicious bei über 50 % liegt, während bei der früher reifenden Apfelsorte Gala die Wahrscheinlichkeit bei nur etwa 10 % liegt. In Zukunft wird sich die Wahrscheinlichkeit eines Befalls durch eine dritte Raupengeneration vor der Ernte für beide Apfelsorten erhöhen. Dennoch bleibt sie bei der Sorte Gala geringer als bei der Sorte Golden Delicious.

Bei der sehr früh reifenden Sorte Gravensteiner, die heute fast ausschliesslich in der Nordschweiz angebaut wird, bleibt die Wahrscheinlichkeit eines Schadens durch eine dritte Raupengeneration des Apfelwicklers vor der Ernte sogar bis Ende des Jahrhunderts vernachlässigbar klein. Dies hebt die zukünftige Rolle der Sortenwahl und der Züchtung für die Minderung des Schadenpotentials durch Insekten hervor. Forschung in diese Richtung wird unter anderem von Agroscope und dem FiBL betrieben.


Weiterführende Informationen

Literatur

Im Text erwähnte Literatur

Hirschi, M., Stoeckli, S., Dubrovsky, M., Spirig, C., Calanca, P., Rotach, M. W., Fischer, A. M., Duffy, B. und Samietz, J. 2012: Downscaling climate change scenarios for apple pest and disease modeling in Switzerland, Earth Syst. Dynam., 3(1), 33–47.

Stoeckli, S., Hirschi, M., Spirig, C., Calanca, P., Rotach, M. W. und Samietz, J. 2012: Impact of climate change on voltinism and prospective diapause induction of a global pest insect – Cydia pomonella (L.), PLoS ONE, 7(4), e35723.

Stöckli, S., Samietz, J., Hirschi, M., Spirig, C., Rotach, M. und Calanca, P. 2012: Einfluss der Klimaänderung auf den Apfelwickler, Schweizer Zeitschrift für Obst- und Weinbau, 19.

 

Weiterführende Literatur (englisch und deutsch)

CH2014, 2014: CH2014-Impacts.Towards quantitative scenarios of climate change impacts in Switzerland, herausgegeben von OCCR, FOEN, MeteoSwiss, C2SM, Agroscope und ProClim, Bern, Schweiz, 136 pp.

Felber, R., Stöckli, S., Calanca, P. 2018: Generic calibration of a simple model of diurnal temperature variations for spatial analysis of accumulated degree-days, Int. J. Biometeorol., 62, 621–630.

Harshman, J. M., Evans, K. M. and Hardner, C. M. 2016: Cost and accuracy of advanced breeding trial designs in apple, Hortic. Res., 3(1), 1–10.

Hirschi, M., Spirig, C., Weigel, A. P., Calanca, P., Samietz, J. und Rotach, M. W. 2012: Monthly weather forecasts in a pest forecasting context: Downscaling, recalibration, and skill improvement, J. Appl. Meteorol. Clim., 51(9), 1633–1638.

Samietz, J., Graf, B., Höhn, H., Schaub, L. und Höpli, H. U. 2008: Schädlingsprognose für den Obstbau, AGRARForschung, Forschungsanstalt Agroscope Changins-Wädenswil ACW, Wädenswil, Schweiz.

Samietz, J., Graf, B., Razavi, E., Höpli, H. U., Höhn, H. und Schaub, L. 2011: Web-based decision support for sustainable pest management in fruit orchards: Development of the Swiss system SOPRA, INTECH Open Access Publisher.

Samietz, J., Stoeckli, S., Hirschi, M., Spirig, C., Höhn, H., Calanca, P. und Rotach, M. 2015: Modelling the impact of climate change on sustainable management of the codling moth (Cydia pomonella) as key pest in apple, in Acta Horticulturae, pp. 35–42, International Society for Horticultural Science (ISHS), Leuven, Belgien.

Letzte Änderung 25.01.2019

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